Bunraku   文楽

Datum der Veröffentlichung :

Die Marionetten sind, nach minutiöser Vorbereitung, das Zentrum der Aufmerksamkeit im Bunraku-Theater.

Hinter den Kulissen werden die Echthaarpuppen sorgfältig frisiert und sorgsam wie lebendige Schauspieler gekleidet.

Grafiken vom Bunraku-Theater

Nur bei den Haupt-Marionettenspielern bleibt das Gesicht unverhüllt.

Bunraku-Stücke werden mit beinahe lebensgroßen Puppen aufgeführt.

Zwischen Szenerie und Fiktion: drei bis fünf hauchen den Bewegungen des Puppenkörpers Leben ein.

Maitresse, Krieger, Mönch, Priester oder Abenteurer, Helden oder historische Persönlichkeiten - so wie der Puppenspieler von der Marionette, ergreift diese Besitz von ihrer Rolle.

Handlung und Geste

Vergessen Sie die kleinen Marionetten, vergessen Sie die Angst, kein Wort Japanisch zu verstehen und keine Ahnung von japanischer darstellender Kunst zu haben. Wenn das Bunraku-Stück beginnt wird es Ihr Herz erobern.

Der Mann schaut die Marionette an. Er konzentriert sich nur auf sie und dennoch hat das Auge des Zuschauers Mühe, sich an diese anscheinend drückende Präsenz zu gewöhnen.

Während der Saal im Dunkeln liegt, bewegen sich schwarz gekleidete Formen , voller Zurückhaltung, aber sicheren Schrittes. Er aber, der Puppenspieler, dessen Gesicht „ohne Maske, glatt, hell, unbeweglich, kühl wie eine frisch gewaschene Zwiebel” ist (Roland Barthes, L’empire des signes, Matsuo Bashô zitierend), führt den Tanz und das Leben. Dieser weißen Zwiebel entspricht ein anderes Weiß, das des Gesichts der Holzpuppe, des Helden des Stückes.

Verfeinertes Gefühl

Im XVII. Jahrhundert entsteht das ningyo joruri, wörtlich „Erzählkunst mit Puppen“. Während der Genroku-Ära (1688-1703) entwickeln zwei Männer die heute noch praktizierte Form dieser Kunst. Der Musiker und Sänger Takemoto Gidayû (1651-1714) bereichert den zuvor üblichen Rezitationsstil und gibt ihm den Namen gidayu. Der ebenso berühmte Dramaturg und Regisseur Chikamatsu Monzaemon (1653-1724) verleiht den Figuren eine psychologisierende Dimension und gibt der Erzählung die literarische Tiefe, die kennzeichnend wird für das ningyo joruri. Er gründet sogar sein eigenes Genre, das sewamono.

Eine Kunstgattung wird gerettet

Erst in der Meiji-Ära (1868-1912) wird bunraku, bisher lediglich der Aufführungsort des ningyo joruri, zum Namen für die Kunstgattung. Zu verdanken ist das Uemura Bunrakuken, der 1872 in Osaka ein Theater gründete, das Bunrakuza. Doch im 20. Jahrhundert steht das bunraku vor einer ungewissen Zukunft: das altehrwürdige Schauspiel fristet nur noch ein Schattendasein. 1955 erkennt der Staat dem bunraku schließlich den Status eines bedeutenden kulturellen Erbes zu. 1963 wird ein nationales Konservatorium geschaffen und 1984 öffnet das Nationale Bunraku Theater in Osaka seine Pforten. Im Jahr 2003 wird bunraku in dieUNESCO-Liste der Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit aufgenommen.

Ein totales Spektakel, doch zweigeteilt”

L’empire des signes, Roland Barthes

Drei Marionettenspieler bewegen sich in einem leicht tiefer gelegten Laufgang. Der Meister mit dem unmaskierten Gesicht kontrolliert den Kopf und den rechten Arm. Sein erster Assistent, schwarz gekleidet, den Kopf unter einer Kapuze versteckt, führt die linke Hand, während der zweite, oft auf dem Boden liegend, die Füße bewegt und mit seinen Holzschuhen das Schrittgeräusch der Puppe erzeugt, die etwa zwei Drittel der Körpergröße eines Menschen erreicht. Die Nebenfiguren haben einen weniger komplexen Mechanismus und können von einem einzigen Marionettenspieler bewegt werden.

Der Musiker am Rande der Bühne begleitet die Bewegungen der Marionnette durch Töne, die eine Emotion, Spannung, einen Seufzer andeuten. Er spielt das shamisen, ein Drei-Saiten-Instrument. Ein anderer Interpret, der Rezitator, schreit, brüllt, murmelt, singt, imitiert die männliche Stimme eines Samurai oder das Flüstern einer Kurtisane. Er lebt den Text mehr als dass er ihn spricht.

Der Mittelpunkt der Gesten“
(Paul Claudel über die Marionette des bunraku)

Geliebter, Krieger, Mönch, Priester oder Abenteurer, Held oder historische Persönlichkeit… die Marionette ergreift von der Rolle Besitz genauso wie die Puppenspieler von ihr Besitz ergreifen.

Sie ist die Heldin, sie steht im Zentrum der Aufmerksamkeit und wird mit äußerster Vorsicht behandelt. Sie besteht aus vereinzelten Gesten, die ihr Zusammenhalt und Leben geben. Sie nährt sich an der Selbstlosigkeit der Menschen, die ihr Leben einhauchen.

Sie ist gleichzeitig Pinsel, Gemälde und Leinwand, sie ist dieses künstlerische Subjekt, das die bunraku-Künstler erschaffen und gleichzeitig darstellen. Der Plot ist gemalt, die Bewegungen sind gezeichnet, der Ton gemeißelt. Nichts wird dem Zufall überlassen, um vollkommene Harmonie zu erreichen darf nichts improvisiert sein.

Verfremdungseffekt

Zwischen Bühne und Fiktion erwecken drei oder fünf Künstler einen unbelebten Körper zum Leben. Dennoch, jede Geste, jedes Wort, jeder Ton, jeder Handgriff wird verzerrt, so dass das Menschliche an Konsistenz verliert, obwohl es ein homogenes Ganzes bildet. Das fördert den Verfremdungseffekt, der Bertolt Brecht so wichtig war.

Beim bunraku gibt es weder Katharsis noch Mitleid. Der Zuschauer kommt nicht in Gefahr, sich mit den Figuren zu identifizieren oder zu vergleichen. Er wohnt dem Stück bei. Die hermetischen Vorführtechniken halten ihn auf Distanz. So kann er das Stück entdecken ohne es durch seine Neigung, sich mit den Figuren zu identifizieren, zu verfälschen.

Im Hintergrund kann ein Orchester die Handlung begleiten. Hinter den Kulissen werden die Marionetten sorgfältig gekämmt und angekleidet. Auch das ist eine Kunst für sich, da sich die Farben und Materialien der Kleidungsstücke nach der Epoche, dem Geschlecht der Figur und seiner sozialen Herkunft richten.

Die Marionette wird menschlich, die Menschen werden Marionetten. Ihre geschmeidigen, präzisen Gesten erwecken den Eindruck fast maschineller Perfektion.

Ist es da verwunderlich, dass die berühmtesten Künstler für ihr Talent und ihre Meisterschaft den Titel “Lebender Kulturschatz” zuerkannt bekommen?

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